Pressemitteilungen 2010
27.11.2010Solms: Flexibel in die Rente
Das bisher geltende Renteneintrittsalter wurde 1911 für Angestellte und 1916 für Arbeiter festgelegt – und zwar auf 65 Jahre. Doch nicht jedes Modell, das früher einmal als Vorbild galt, ist heute noch auf der Höhe der Zeit. Seit 1911 ist die Lebenserwartung bedeutend gestiegen. Die Arbeitsbedingungen haben sich verbessert. Unsere Gesundheitsversorgung hat die weltweit höchste Qualität. Den meisten Menschen geht es heute gesundheitlich gut – auch wenn sie älter sind. Eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre im Jahre 2030 halte deshalb ich für maßvoll und vertretbar.
Unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft werden in absehbarer Zeit auf ältere Arbeitnehmer angewiesen sein. Heute stehen drei Menschen im Alter 20 bis 64 Jahren einem über 65 gegenüber, 2030 werden es sogar nur noch zwei sein. 1962 kamen fast vier Rentenversicherte auf einen Rentner, 2008 waren es nur noch 1,8. Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer hat sich in den letzten 50 Jahren von 9,9 Jahren im Jahr 1960 auf 18,2 Jahre im Jahr 2009 fast verdoppelt.
Auf diese gesellschaftlichen Veränderungen will der Gesetzgeber mit der Anhebung des Renteneintrittsalters reagieren. Meiner Auffassung nach ist die Rente mit 67 genau wie die bisherige mit 65 ein zu starres System. Es ist einfach inhuman von den Menschen zu verlangen, bis zu einem bestimmten Tag voll zu arbeiten, um danach die Arbeit abrupt und ohne Übergang einzustellen. Das führt, wie man heute weiß, zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Deshalb brauchen wir ein flexibles Renteneintrittsalter. Wer im Alter mit dem, was er sich erarbeitet hat, über die Runden kommt, der muss selbst entscheiden können, wann er in Rente geht. Es geht bei der Frage der Rente mit 67 schließlich auch darum, wie eine freie und liberale Gesellschaft solche Fragen grundsätzlich regelt. Ein ordnungspolitisch sauberer Ansatz wäre: Jeder kann so lange arbeiten, wie er will und danach bemisst sich seine Rente.
Innerhalb des flexiblen Rahmens kann der Gesetzgeber durchaus handeln: Er sollte beispielsweise Beschäftigungshemmnisse für ältere Arbeitnehmer beseitigen. Die Zuverdienstgrenzen für Rentenbezieher müssen wegfallen. Die Wirtschaft wiederum ist aufgefordert, altersgerechte Arbeitszeitmodelle einzuführen. Vorstellbar sind zum Beispiel weniger Wochenarbeitsstunden oder längere Pausen. Entscheidend ist, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern tatsächlich länger arbeiten können. Hierzu muss ein Umdenken in den Betrieben stattfinden. Die Unternehmen und die Verwaltung sollten erkennen, wie wertvoll ältere Arbeitnehmer, ihre Arbeitskraft und ihre Erfahrung sind.
Schon jetzt zeigt sich ein eindeutiger Trend: Die Zahl älterer Erwerbstätiger zwischen 55 und 65 Jahren ist von 2005 bis 2009 um mehr als eine Million angestiegen. Es gibt mehr und bessere Jobs für Ältere. Die Erwerbstätigenquote hat sich in der Altersgruppe von 60 bis 65 in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. Diesen Trend begrüße ich – auch weil ich aus eigener Erfahrung sagen kann: Wer am Arbeitsleben aktiv teilnimmt, bleibt länger jung.
Datei zum Herunterladen: 10-11-26_Solms_-_Flexibler_Eintritt_in_die_Rente_ist_besser_als_starre_Regelungen.pdf (76,73 KB)
